27 Mrz

Interview Euroscola

Dieses Interview wurde mit einer 50-jährigen Mutter geführt, die während des Mauerfalles in Sachsen lebte. Sie wurde zur deutschen Wiedervereinigung und ihrem Gefühl gegenüber Europa befragt. Die Frau wurde um ihre Meinung zu beiden Themen gebeten.

Bist du froh eine Europäerin zu sein?

Ich muss dir sagen, dass diese Frage schwer zu beantworten ist, da ich noch nicht lange auf anderen Kontinenten war, um so Vergleiche ziehen zu können. Ich kann dir aber sagen, dass ich in den meisten Punkten sehr froh bin eine Europäerin zu sein. Allerdings gibt es auch ein paar andere Gründe, weshalb ich es manchmal nicht gut heißen kann Europäerin zu sein. Vor allem wenn es um gewisse Entscheidungen geht, die nur innerhalb der EU getroffen werden können und die Mitgliedsstaaten mitziehen müssen, obwohl sie vielleicht gar nicht derselben Ansicht sind. Daher wäre es manchmal schöner, wenn jedes Land in gewissen Punkten seine eigenen Entscheidungen treffen kann. Weitere Punkte sind auch Herausforderungen, wie Flüchtlinge, mit denen man allein gelassen wird. Das zeigt mir, dass die Unterstützung der EU oft nur teilweise vorhanden ist. Alles in allem kann ich aber sagen, dass ich trotz der negativen Punkte gegenüber der EU froh bin eine Europäerin zu sein.

Wie können wir die deutsche Wiedervereinigung als wichtiges europäisches Ereignis verstehen?

Die Wiedervereinigung führte dazu, dass sich zwei Staatenbündnisse wieder zusammengefunden haben und die Grenzen wieder abgebaut wurden.

Was hat sich durch den Mauerfall für dich verändert?

Der Mauerfall veränderte mein ganzes Leben. Dadurch ist mein eigentlicher Berufswunsch Pionierleiter zu werden weggefallen, da es diesen Beruf nur in der DDR gab und ich habe angefangen neue Wege zu gehen. Der Mauerfall ermöglichte viele neue Perspektiven, wie mehr Angebote in Läden, was meiner Meinung nach eine enorme Verbesserung war. Es bot sich aber auch die Möglichkeit neue Länder und andere Kulturen kennenzulernen. Diese Möglichkeit war für mich großartig, da ich so sehr viel von der Welt sehen konnte. Allerdings fühlte ich mich nach dem Mauerfall nicht mehr so sicher, wie während der Zeit der DDR.

Wie hast du den Mauerfall erlebt?

Zum Zeitpunkt des Mauerfalles war ich 19 Jahre alt und war gerade im Studium, im Zivilverteidigungslager. Als wir abends vor dem Fernseher saßen wurde die Nachricht über den Mauerfall durchgesagt. Am Anfang konnten wir es alles nicht glauben und mussten schauen wie wir dieses Ereignis verarbeiten können. Es war schwer für mich die ganzen neuen Eindrücke, die auf einen einwirkten zu verarbeiten.  All das was man im Fernsehen und in Werbungen gesehen hatte und wovon man gehört hatte wurde plötzlich Realität und man konnte es selbst kaufen. Es war ein ungewohntes Gefühl diese Dinge, die man schon die ganze Zeit haben wollte, auf einmal kaufen zu können. Es ermöglichte mir auch meine Freunde wiederzusehen, die ausgereist sind, um in Westdeutschland zu leben. Das waren für mich schöne neue Möglichkeiten.

Was bedeutet die EU für dich?

Die EU ist für mich ein Staatenbündnis mit Vor- und Nachteilen. In gewisser Weise ist es ein schwacher Staat, da die Politiker oft zu schwach in ihren Entscheidungen und ihrer Durchsetzungskraft sind. Es ist für mich ein Gremium, wo man bei manchen Entscheidungen nur den Kopf schütteln kann. Da wäre ein Beispiel was ich nicht verstehen kann, und zwar die Entscheidung der EU, dass jedes Obst und Gemüse genormt sein muss, weil es sonst nicht verkauft werden darf.

Wie war die Zeit vor dem Mauerfall für dich?

Die Zeit war für mich mit vielen Entbehrungen verbunden. Allerdings hat man sich mit der ganzen Situation arrangiert. Ich bin der Meinung, dass es unter den Jugendlichen einen größeren Zusammenhalt gab. Die DDR hat für mich auch eine gewisse Sicherheit und Geborgenheit ausgestrahlt. Das Positive an der Zeit war auch, dass man nach der Schule genaue Ziele für seine Zukunft hatte, da die Auswahl für Berufe nicht sehr groß war. Ich kann aber auch sagen, dass es teilweise sehr schwierig in der DDR war, da man sich genau überlegen musste was man wem erzählt. Weiterhin gab es durch den Zusammenhalt der Menschen immer eine gewisse Kontrolle.

Welche Erwartungen hattest du an deine Zukunft nach dem Fall der Mauer?

Dadurch hatte ich die Möglichkeit ein anderes Studium zu beginnen, was vorher anders aussah. Ich hatte auch die Hoffnung mehr von der Welt sehen. Allgemein ergaben sich viele neue Perspektiven für mich. Das alles kam aber erst ein paar Jahre später, weil ich am Anfang sehr verunsichert war wie ich mit der neuen Situation umgehe sollte.  

Haben sich diese Erwartungen erfüllt?

Ja, ich kann sagen, dass sich diese Erwartungen erfüllt haben und ich sehr glücklich bin, wie sich meine Zukunft entwickelt hat.

Von Claudia Kuhröber